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Zurück in Chile - die letzten Fahrtage

Es fällt mir richtig schwer, Marion, Günter und Argentinien zu verabschieden. Die beiden fahren nochmal nach Norden und über den Paso Agua Negra zurück nach Chile, ich nehme den direkten Weg. Die Route führt mich bei strahlendem Sonnenschein über die Routa 7 und den Grenzübergang beim Paso Cristo Redentor de los Andes. Auf der schönen Talstraße kommen erste Gedanken an Abschied. Es liegen noch 3 Fahrtage und 3 Tage in Valparaiso vor mir. So langsam wird mir erst bewusst was für eine ereignisreiche Reise das war. Wenn man unterwegs und mittendrin ist, ist man ständig mit der Bewältigung verschiedenster Situationen, dem Bewundern der Landschaft oder der täglichen Reiseroutine beschäftigt. Jetzt kommen erste Gedanken der Reflexion und der Einordnung des Erlebten.
Es gibt aber auch heute wieder etwas zu sehen: einen Schotterpass, der in 3800 m ü.N.N. über den Gebirgszug führt und den ich natürlich nehme, statt den neuen Tunnel nach Chile zu nutzen. Die Zufahrt unten führt durch ein großes, gemauertes Tor und geht dann in eine Piste über, die aber nach 500 m mit Sandhaufen und Metallteilen versperrt ist. Was soll das denn jetzt? Marion und Günter sind die Straße erst gestern noch gefahren... ich verharre kurz und beschließe, die Sperrung zu ignorieren. Mit der KTM kein Problem, sich einen Weg darüber und drumherum zu suchen. Ich komme auch problemlos bis oben an den Pass. Unterwegs stehen zwei Gräder, die wohl gerade die ganze Piste neu abschieben, heute aber unbemannt sind. Kein Straßenbauarbeiter weit und breit zu sehen. Mir soll´s recht sein! Die Aussicht ist schön und oben erwartet mich Christus in Form einer großen Bronzestatue und ein paar venezolanische Arbeiter, die den Kiosk renovieren. Denen schenke ich dann auch mein restliches argentinisches Geld und sie freuen sich. An sich ist der Pass recht unspektakulär. Hätten wir hier unsere Reise begonnen, wäre das sicher ein tolles Erlebnis gewesen. Nach all den Eindrücken aus den letzten 10 Wochen ist das eher ein „ganz nett“.

Die Einreise nach Chile erweist sich dann als recht chaotisch: ich bekomme von den Grenzbeamten Formulare, die ich ausfüllen muss und abgestempelt werden, um am nächsten Schalter dann von anderen Grenzbeamten belehrt zu werden, dass die falsch sind und ich andere Formulare brauche. Also das Ganze von vorn. Das Prozedere dauert sicher eine Stunde inklusive der obligatorischen Taschenuntersuchung. Das sind wirklich die inkompetentesten Grenzbeamten der ganzen Reise. Da ging es selbst in der Baracke in Bolivien an der Lagunenroute und in Peru besser. Aber da ich heute keinen Zeitdruck habe und die Universalsprache „Lächeln“ immer und überall verstanden wird, ist auch diese Prozedur leicht zu überstehen. Kurz hinter der Grenze biege ich dann nochmals in ein Seitental ab, um den Parce Andino Juncal zu besuchen. Am Ende des Tals will ich eigentlich die letzte Nacht im Zelt verbringen. Der Ort ist auch wunderschön gelegen: sanfte Wiesen am Talende am Fuße eines Gletschers. Leider ist hier zelten unmöglich, da es so windig ist, dass es mir das Zelt zerlegen würde. Schade. Also fahre ich 8 km die Sandpiste zurück und finde einen windgeschützten Platz an einem Wasserfall. Ich genieße das letzte Bushcamping mit Ravioli in Tomatensauce. OK, das war gelogen: das Alleine am Zelt sitzen und die Landschaft aufsaugen ist toll, das Essen (Nudeln in Tomatensauce) kann ich nicht mehr sehen...

 

Die Nacht verläuft auch sehr ruhig, keine Menschenseele weit und breit.

 

Für die Nächsten beiden Tage habe ich mich mit Ronny verabredet. Er ist unser Speditionsagent in Chile und lebt in Santiago. Vor ein paar Tagen hatte ich ihn gefragt, ob er noch 2 Tage eine kleine Tour mit mir fahren will und er hat spontan zugesagt. Prima, so habe ich einen ortskundigen Führer und wir fahren 2 Tage lang auf kleinsten Teerstraßen und geschotterten Pässen im Norden von Santiago. Manchmal sind die Zufahrten so klein, die hätte ich mit Navi und Karte kaum gefunden. Toll! Wir übernachten in einer Cabana im Küstenort Maitencillo direkt am Strand, kochen uns abends selbst und haben eine echt gute Zeit. Am zweiten Tag darf ich dann meine meine bisher nicht gebrauchten Montierhebel nochmal einsetzen. Aber nicht ich habe einen Platten, sondern er mit seiner Tiger 800. Das darf echt nicht wahr sein. Mich hat es 14.000 km verschont und jetzt hat schon wieder ein Mitreisender eine Panne. Zum Glück ist es nur das Vorderrad und der Schlauch ist in einer guten Stunde wieder repariert.

 

Die Gegend durch die wir fahren ist extrem von Dürre gezeichnet. Die Büsche auf den Hügeln sind braun und abgestorben und die Flussbetten alle trocken. Laut Ronny hat es hier seit 5 Jahren nicht mehr nennenswert geregnet. Auch Santiago hatte im letzten Jahr 85% weniger Regen. Und das in einer sowieso schon trockenen Region, das sieht echt dramatisch aus. Lediglich die bewässerten Bereiche im Tal, auf denen hektarweise Avocados und Wein wächst, sind grün. Aber auch hier fallen verlassene Gewächshäuser auf und ohne Wasser wird die Region über kurz oder lang nicht mehr zu kultivieren sein. Das stimmt mich heute schon sehr nachdenklich.

 

Wir selber merken das auch ganz unmittelbar: das Thermometer zeigt 37 Grad. In den Motorradklamotten wird so jede Ortsdurchfahrt in niedrigen Geschwindigkeiten zur Qual.

Die zwei Tage vergehen wie im Flug und als wir aus den Bergen wieder die Routa 68 erreichen, verabschieden wir uns und ich fahre die letzten Kilometer nach Valparaiso, wo ich mir eine Wohnung für die letzten Tage gemietet habe. Mir wird nochmal bewusst, wie gut mich die KTM durch Südamerika getragen hat. Fast 14.000 km ohne nennenswerte Panne. Jeden Morgen sprang sie brav an und trug mich den ganzen Tag über übelste Pisten, Straßen und Flüsse. Von 0 bis fast 5000 Höhenmeter ohne einen Mucks. Dass die Gabeldichtungen am Salar vom Salz undicht wurden, hat uns nicht aufgehalten, das konnte schnell repariert werden. Und auch das abgerissene Zündkabel war letztendlich auch nur eine Kleinigkeit, die schnell behoben war. Ich bin wirklich dankbar, dass es der Maschine und auch mir die ganze Zeit gut ging. Keinerlei größere gesundheitliche Probleme, kein Unfall. Ronny hat mir da andere Geschichten von Reisenden erzählt...

 

Als ich die Maschine in der Tiefgarage in Valparaiso parke, ist die Reise gefühlt am Ende. Die letzten 3 Tage werde ich mir noch die Stadt anschauen und die Reise reflektieren. Im Moment bin ich erst mal froh und dankbar, dass ich mir diesen Traum erfüllen konnte, alles geklappt hat und ich freue mich auch wieder sehr auf Zuhause, meine Frau und meine Kinder.
An dieser Stelle ein Riesendank an Lian, dass sie mich hat fahren lassen und mich immer unterstützt hat.

 

DANKE!