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Salta nach Cafayate: altes Eisen, bunte Berge und ein Abschied

Nach 3 Tagen in Salta fällt mir so langsam die Decke auf den Kopf. Das Motorrad sollte gestern um die Mittagszeit fertig sein - es wurde dann 20.30 Uhr bis ich die Kati wieder abholen konnte. Da war Geduld gefragt. Dafür sind jetzt Öl, Ventile und Gabel wieder ok, sogar gewaschen wurde sie, die Kette geschmiert und Kühlflüssigkleit nachgefüllt. Prima! Ich habe das Gefühl, die haben gute Arbeit hier geleistet bei KTM Salta. Und der Preis war identisch mit dem in Deutschland. Da kann man nicht meckern und ich bin glücklich, als ich vom Hof rolle, auch wenn es gerade in Strömen regnet.
 
Den gestrigen Nachmittag verbrachten wir mit Tourplanung und einigten uns darauf, heute einen Umweg zu fahren, und zwar die Routa 52 entlang zum Eisenbahnviadukt Polvorilla des "Tren alas nubes" (Zug durch die Wolken). Das sind hin und zurück zwar 400 km, mir ist es aber wert diese Mehrkilometer zu fahren. Und das sollte sich auch lohnen.
 
Für Liebhaber alter Eisenbahnarchitektur mit Stahl und Nieten ist dieses Viadukt absolut lohnenswert. 224 m lang, 64 m hoch und in einer Höhe von 4200 m ü.NN. Erbaut 1929 und eigentlich nur für touristische Zecke genutzt. Ich bin echt beeindruckt von dem Bauwerk und stelle mir vor, wie hier jedes Einzelteil aus Europa herangeschifft und auf über 4000 m ü.NN. transportiert wurde. Fährt man darüber, muss das sich aus dem Zug anfühlen, als ob man plötzlich fliegt, wenn man über die schmale Brücke rollt und rechts und links nur noch Luft da ist. Ich filme und fotografiere ausgiebig, während Lars sich nach 10 min schon wieder auf den Rückweg gemacht hat. Ihm gehts mit seinem Darmbeschwerden leider immer noch nicht besser. Schöner Mist. So genieße ich eine einsame Stunde ohne eine Menschenseele dort oben, laufe über die Gleise und habe eine Menge Kopfkino. Die Schönheit des Bauwerks verbunden mit der Einsamkeit und Ausgesetztheit lassen die Fantasie fliegen... Das wird noch befeuert am Bahnhof des Ortes San Antonio, das 20 km vor dem Viadukt liegt. Dort fährt der Zug nämlich gerade ein und man kann ihn in Ruhe anschauen.
 
Irgendwann muss ich aber auch zurück und Lars einholen. Die Routa 52 auf diesem Abschnitt ist für mich ein absolutes Muss für Motorradfahrer. Auf dem 180 km langen Stück vom Tal in Salta auf 1150 m ü.NN. überwindet man 3000 Höhenmeter in einem wunderschönen Tal mit perfekt ausgebauter Straße. Ich bekomme das Grinsen gar nicht mehr unter dem Helm weg. Die Sonne scheint, die Musik aus dem Handy ist gut und die Kurven toll. Wunderbar! Wir passieren auch ausgedehnte Kakteengebiete. An diesen Pflanzen kann ich mich gar nicht sattsehen. Selbst jetzt nach vielen Wochen sollten sie zum Alltagsbild geworden sein, sind es für mich aber nicht. Ich finde diese Lebewesen faszinierend, irgendwie beruhigend, stoisch, aus der Zeit gefallen. Im Tal ändert sich die Vegetation und die Temperaturen. Es wird heiß, über 30 Grad und man merkt, dass wir die Weingegend Argentiniens erreicht haben. Das viele Kilometer breite Tal wird intensiv landwirtschaftlich genutzt und wird rechts und links von 3000ern flankiert. Ich komme mir fast vor wie im Rheintal zwischen dem Schwarzwald und den Vogesen. Nur ein wenig größer... Abends landen wir dann auch standesgemäß nach einigen Problemen ein Hostel zu finden in einem Landhaus bei Moldes mit Pool und Landwirtschaft nebenan. Wir können sogar in dem riesigen Garten selbst kochen und genießen die Weite, die Wärme und die Zikaden, die einen Höllenlärm machen. Nach den vielen Tagen in den hohen Bergen ist es eine Wohltat, abends mal wieder mit kurzer Hose und einem Wein draußen zu sitzen.
 
Der nächste Wegeabschnitt nach Cafayate ist auf der Karte mit vielen roten Sternen für Sehenswürdigkeiten versehen: das Muscheltal erwartet uns. Oft haben wir ja die Erfahrung gemacht, dass viel übertrieben wird und aus Nix eine Attraktion gebastelt wird. Hier ist das aber nicht so. In dem atemberaubenden Tal ändern sich auf 100 km Länge nach jeder Kurve die Farben und Forme der Berge ringsum. Unnötig zu sagen, dass die Strecke wieder ein Kurvengenuß vom Feinsten ist! Aufgrund der Länge dieses Naturwunders komme ich gar nicht mehr mit. Netzhaut und Hirn sagen: Overload! In Cafayate müssen wir unbedingt noch eine Nacht länger bleiben, damit wir uns dieses Schauspiel intensiver anschauen können. Aus dem "wir" wird am Abend dann ein "ich", denn Lars beschließt, früher nach Hause zu fliegen und bekommt nur noch einen Flug am 5.12. Das wird sportlich, dann muss er morgen die Rückreise nach Valparaiso antreten. So wird das unser letzter gemeinsamer Abend in Südamerika und am nächsten Morgen trennen wir uns standesgemäß an der Tankstelle. Ich fahre nochmal in das Muscheltal nach Norden und er nach Mendoza nach Süden. Anfangs ist es schon komisch, alleine unterwegs zu sein, ich muss mich nach so einer langen gemeinsamen Zeit erst einmal umgewöhnen. Es war gut, in den kniffeligen Situationen mit Panne, Blockaden und gesundheitlichen Problemen einen Buddy dabei zu haben. Die Tour alleine zu fahren wäre deutlich anstrengender geworden.
 
Jetzt genieße ich aber auch, dass ich wieder meinen eigenen Rhythmus fahren kann und Distanz, Pausen und Übernachtung wieder ohne Abstimmung entscheiden kann. So bleibe ich dann auch 3 Tage in dem lieblichen Weinort Cafayate und nutze einen ganzen Tag, um in den bunten Bergen einfach ohne Ziel wandern zu gehen und die Einsamkeit und die Einmaligkeit der Landschaft aufzusaugen. Und wie es oft so kommt, wenn man alleine unterwegs ist: am Abend lerne ich einen ebenfalls solo fahrenden brasilianischen Mopedfahrer aus Sao Paulo kennen und wir tauschen unsere Tourerlebnisse bei einem prima argentinischen Steak aus. Klasse abend!