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Argentinien: die Routa 40 macht uns fertig!

 

Bolivien entlässt uns an diesem Morgen mit strahlendem Sonnenschein. Auf den schönen 90 km zur argentinischen Grenze können wir sogar Lars´Reifenproblem lösen: ein brummeliger Reifenspezialist an der Straße nimmt sich des Reifens an und innerhalb einer Stunde ist das Ding ausgebaut und von innen neu versiegelt. Ich muss sagen, dass die BMW mit dem Kardanantrieb und den schlauchlosen Reifen sehr wartungsfreundlich ist. Bei mir hätte die Reparatur um einiges länger gedauert. So rollen wir gut gelaunt auf die Grenze zu. Hier nehmen es die argentinischen Grenzer sehr genau. Der Papierkram ist schnell erledigt, aber das Gepäck nehmen sie ganz genau unter die Lupe. Der junge Beamte lässt uns jede Tüte, jede Tasche und alle Lebensmittelbehältnisse öffnen. Sogar Lars Reifenflickzeug wird untersucht. Tja, wir kommen aus Bolivien und da ist die Möglichkeit ja durchaus gegeben, dass wir Drogen schmuggeln... Nach der Prozedur lässt er uns dann ziehen und wir rollen die ersten Meter in den Grenzort La Quiaca ein. Gleich ändert sich wieder alles. Argentinien ist viel reicher, alles ist besser erhalten, Autos neuer und die Menschen sehen anders aus. Ähnlich wie an der Grenze Peru/Chile. Wir folgen dem immer gleichen Plan nach der Einreise in ein neues Land: frisches Geld in Landeswährung holen, SIM Karte kaufen und tanken. Leichter gesagt als getan. In dem Ort gibt es zwei Geldautomaten und bei beiden machen wir lange Gesichter und lassen ein paar Flüche zurück. Keiner spuckt Geld aus. Na toll! Wat nu? Erst mal zur Tankstelle und fragen, ob man den Sprit mit Kreditkarte zahlen kann. Das geht zum Glück, also ist das Weiterkommen schon mal gesichert. Ich frage den Tankwart, ob man irgendwo Dollars tauschen kann und er schickt uns zur Grenze zurück. Dorthin rollen wir dann zurück und werden vom streng dreinschauenden Grenzsoldaten gleich ermahnt, dass wir hier nicht stehen dürfen. Ich setze ein hilfloses Gesicht auf und mache ihm mit Gesten und geradebrechtem spanenglisch klar, dass wir Geld tauschen müssen. Leider geht das nur auf der bolivianischen Seite und da sind wir ja gerade ausgereist. Verdammt! Man sieht der Mine des Soldaten geradezu an, was sich in seinem Inneren tut. Von strenger Zurechtweisung über "ich höre denen mal zu", bis "ich helfe den dreckigen Kerlen jetzt". Er versteht sofort, dass ich jetzt nicht mehr offiziell ausreisen kann und nimmt mich hinter den Gebäuden mit und schleust mich illegal nach Bolivien ein. Kurzer Hinweis an die bolivianischen Kollegen und ich marschiere in eine Wechselstube auf der bolivianischen Seite und tausche 100 Dollar. Gut, dass ich die Notdollars dabei habe! So war ich in meinem Leben mal 10 Minuten als Illegaler in Bolivien, auch nicht schlecht. Wir sind einigermaßen erleichtert und froh, das hinter uns zu haben. Das SIM Karte kaufen geht dann recht einfach und ist in kurzer Zeit erledigt. Hier ein Tipp dafür: Telefon auf spanisch umstellen und dem Verkäufer geben. Der kann dann die SIM Karte leicht aktivieren und das Guthaben aufladen. Danach wieder auf deutsch umstellen und fertig. Das ist viel einfacher, als das selbst zu versuchen.

 

Die Einreise und das Versorgen mit Geld hat uns einigermaßen viel Zeit gekostet und es ist schon 16 Uhr. Trotzdem wollen wir den unwirtlichen Grenzort noch verlassen und fahren auf die legendäre Routa 40 - die mit 5300 km längste Nationalstraße Argentiniens. Hier oben im äußersten Nordwesten Argentiniens schlängelt sich die Straße als ungeteerte Miniwellblechpiste durch Pampa und Berge. Unser Plan ist, die nächsten 2 Tage 450 km über Schotter bis San Antonio zu fahren und dann Richtung Osten nach Salta abzubiegen. So machen wir es auch und schaffen noch 80 km bis kurz vor Sonnenuntergang. Wir fahren von der einsamen Piste einfach über Büsche und Gras irgendwo rechts ab und schlagen unser Zelt auf einer Sandfläche auf. Ein perfekter Platz mit wieder einmal Millionen Sternen über uns und keiner Menschenseele weit und breit. Die Gegend ist wirklich total einsam, kaum ein Mensch begegnet uns unterwegs.

 

Zweite Etappe: Lars geht es nicht gut, er hat massive Magenprobleme mit Schüttelfrost und Schmerzen. Aber er kann fahren und wir machen uns früh auf den Weg. Er kämpft sich die nächsten 220 km bis zur nächsten Teerstraße in Susques durch. Die Route ist eine einzige Wellblechorgie und macht nicht wirklich Spaß zu fahren. Auch landschaftlich hatte ich mir mehr versprochen. Vielleicht sind wir aber auch schon zu verwöhnt von den atemberaubenden Bildern, die wir erlebt und im Kopf haben. Gewiss, einige Kilometer sind schon schön, aber nicht die Strapazen wert. Zumal neben Lars Gesundheitszustand noch mehr Sorgen auftreten. Natürlich genau in der Mitte der Strecke, noch 160 km Schotter vor uns geht die KTM nach längerem Stottern einfach aus. Das sind Momente, an denen die Erinnerungen an Malawi 2015 wieder hoch kommen, als ich mit der 640er mit Motorschaden in the middle of nowhere liegen geblieben bin. Nachzulesen hier: https://www.reisemachtweise.de/2015/02/23/lake-malawi-cape-mclear-lilongwe/

 

Aber hier ist nicht Malawi und so machen wir uns nach einem kleinen Verzweiflungsanfall meinerseits an die Fehlersuche: Luftfilter ok, keine Schläuche abgerissen, Tankentlüftung nicht verstopft, dann schaue ich mir das Zündkabel an und habe das Kabel in der Hand, als ich es von der Zündkerze abziehen will. DAS war der Übertäter schon in Bolivien, als sie gestottert hat und nach dem Waschen nicht mehr anspringen wollte. Das Kabel ist losvibriert und hatte nur noch sporadisch Kontakt. Meine Mine hellt sich schlagartig auf, der Fehler ist mit einem Messer und ein wenig Klebeband schnell behoben. In dem Moment, als ich den Starterknopf drücke und die KTM losbollert bebt die Erde von den Steinen der Erleichterung, die mir vom Herzen plumsen. Ich hasse diese Momente, wenn die Karren nicht mehr laufen und man im schlimmsten Fall für Stunden oder Tage irgendwo gefangen ist. Ich fahre ja Motorrad wegen des Freiheitsgefühls und das geht dann schlagartig über in ein Gefühl der Machtlosigkeit und des Gefangenseins. Nicht gut! Hier zu stranden wäre eine größere Sache gewesen. 100 km Abschleppen oder zwei Tage ausharren, bis ein Transport organisiert ist. Ich schiebe die Gedanken schnell weg. Nach diesem Erlebnis läuft alles glatt. Wir passieren noch eine schöne Schlucht und atmen auf, als Susques erreicht ist. Wir entschließen uns, trotz der zurückgelegten anstrengenden Kilometer, die 200 km nach San Salvador de Jujuy noch dranzuhängen und dort in ein Hotel zu gehen, statt hier in einem schnodderigen Hostel zu übernachten. Zelt kommt heute nicht in Frage. Die Routa 52 schraubt sich über 2500 m nach unten, wir passieren die Salinas Grandes, die uns aber nach der Erfahrung des Salar Uyuni nicht beeindrucken. Beeindruckt sind wir hingegen von den bunten Bergen bei Pumamarca, die toll aussehen und eine eigene Reise wert wären. Mehr als ein kurzer Fotostopp ist aber nicht drin, damit wir noch vor Einbrechen der Dunkelheit in San Salvador de Juyjuy ankommen. Das gelingt uns auch. Wie schön doch eine heiße Dusche ist!