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4 Tage - 4 Länder: Hindernisfahrt von Peru nach Argentinien

 

Nein, wir sind nicht gerast wie die Verrückten, um 4 Länder in 4 Tagen zu erreichen. Das hatte vielmehr mit unserer Routenplanung zu tun. Peru haben wir in den letzten Wochen gegen den Uhrzeigersinn bereist, begonnen am Titicacasee, hoch nach Cusco, dann nach Westen an die Küste nach Ica, Nazca und weiter nach Süden zum Colca Canyon und nach Arequipa. Von dort geht es nun nach Süden an die chilenische Grenze bei Arica.
Peru war für mich eine Wundertüte. Landschaftlich großartig, von der Atmosphäre im Land und den Leuten hatte ich mir mehr versprochen und die schönsten Erlebnisse waren eigentlich die, die ich nicht auf dem Zettel hatte. Ein persönliches Resümee der Länder schreibe ich später noch nach der Reise.

Zur chilenischen Grenze fahre ich von der schönen Stadt Arequipa aus alleine, da Lars gestern ja schon 150 km vorgefahren ist. Er nimmt die Küstenstraße, wogegen ich als Wüstensohn die Strecke durch das wüstenartige Inland nehme. Die Route ist auch wunderbar zu fahren, wenig Verkehr, viele lange, einsame Kilometer vorbei an hohen Sanddünen, währenddessen man über das Reisen und das Leben an sich sinnieren kann. Zwischendurch passiere ich oasenartige Täler, die landwirtschaftlich genutzt sind und Serpentinen durch canyonartige Falten in der Erdkruste. Die 340 km vergehen wie im Flug und es hat auch mal wieder gut getan alleine unterwegs zu sein und seinen eigenen Rhythmus zu fahren.

Ich freue mich aber auch, als Lars keine 30 Minuten nach mir an der Grenze auftaucht und wir das Grenzprozedere in Angriff nehmen. Und das ist ziemlich verwirrend. In einem großen Gebäude mit zwei Dutzend Schaltern zur Straße hin wird alles abgearbeitet: Ausreise/Einreise und Zoll für beide Länder. Über den Schaltern kleben chilenische und peruanische Flaggen, was genau da aber passiert: keine Ahnung.  Also zum ersten Schalter hin und gefragt. Der zeigt uns gleich ein Papier, das wir benötigen, aber nicht bei ihm bekommen, sondern bei den Taxifahrern. Häh, Taxifahrer am Zoll?? Wir schauen auch genauso, bis eine andere Grenzbeamtin unsere Ratlosigkeit erkennt und uns in die Kantine schickt, da gäbe es den benötigten Zettel. Wir also mit Fragezeichen in den Augen in die Kantine, wo aber außer dem Küchenpersonal kein anderer Schalter oder Gast zu finden ist. Also wieder runter und einen anderen Beamten gefragt. Der schickt uns wieder hoch. Das alles natürlich mit Händen und Füßen und rudimentären Spanischkenntnissen. Diesmal gehen wir zur Küchenfrau an der Kasse und die erkennt sofort, was wir wollen und verkauft uns für 1,50 € einen Laufzettel, der dann alle erforderlichen Stempel bekommt, die man braucht um an der Kontrollstation hinter dem Zollgebäude weiterfahren zu dürfen. Wir müssen schon lachen ob dieser Logik: statt das Ding einfach an jedem Schalter auszulegen, muss man den in der Kantine kaufen. Kommt man ja sofort drauf - Willkommen in Südamerika! Da soll noch mal einer behaupten, Deutschland wäre so kompliziert.Neben dem Papierkram nehmen die chilenischen Beamten die Gepäckuntersuchung auch ganz genau, incl. Durchleuchten der Gepäckrollen.

In der Grenzstadt Arica kommen wir erst kurz vor Sonnenuntergang an und beschließen ein Hotel zu nehmen. Das Auserwählte erreichen wir mit einer Gruppe von ca. 30 Rentnerinnen, was das einchecken nicht gerade beschleunigt, aber für viel Schmunzeln sorgt. Man bemerkt den Unterschied zwischen Peru und Chile sofort: verputzte Häuser, neuere Autos, die nicht Riesenwolken an Dieselabgasen hinter sich herziehen, Verkehrsteilnehmer, die sich an bestehende Regeln halten, die Menschen sehen weniger indigen aus, westlichere Kleidung, bessere Infrastruktur. Ein himmelweiter Unterschied. Ich genieße es gerade, mal keinen Dreck und Müll überall zu sehen und ein wenig Zivilisation zu genießen. Allerdings sind in der Innenstadt auch massiv die Spuren der Aufstände von vor 4 Wochen zu sehen: JEDES Geschäft ist mit Stahlplatten oder Holz verrammelt, nur kleine Eingangstüren lassen die Besucher hinein. Alles vorbereitet für weitere Ausschreitungen. Das sieht aus, wie im Krieg! Selbst die Brandspuren an Häusern und brennenden Reifen sind noch allerorts zu sehen. Was sind hier in Südamerika gerade unruhige Zeiten. Und Bolivien wartet ja noch.

 

Unsere Route ähnelt auf der großen Südamerikakarte einer großen Acht. Von Arica in Nordchile aus wollen wir weiter nach Argentinien. Es gibt von hier zwei Möglichkeiten: nach Süden und über San Pedro de Atacama über den Paso Sico nach Argentinien, oder von hier direkt nach Osten und nochmals durch Bolivien mit einem Zwischenstopp auf dem Salar de Uyuni. Da es uns dort so gut gefallen hat, entschließen wir uns für diesen Weg. Wohl wissend, dass vor 5 Wochen nach der Präsidentenwahl die Gegner von Evo Morales die Straßen blockiert haben und nun, nach dem der Ex-Präsident ins Exil nach Mexiko geflüchtet ist, seine Anhänger die Straßen dicht machen. In La Paz kam es zudem schon zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen mit Tränengas und Plündereien. Da wir weitestgehend durch einsame Wüste mit wenigen Ortschaften fahren werden, riskieren wir es.

 

Zur bolivianischen Grenze sind es nur 4 Stunden zu fahren, wieder über guten Teer und an Riesendünen vorbei. Erinnert mich stark an Namibia, nur zwei Nummern größer. Später, nach dem kurvenreichen Aufstieg zur Hochebene auf 3800 m, flankieren stolze, schneebedeckte Vulkane unseren Weg. Eine schöne und kurzweilige Strecke.

An der Grenze zu Bolivien beschleicht mich dann ein ungutes Gefühl: LKW warten in Schlangen vor dem Grenzgebäuden und es ist an den Schaltern nichts los. Niemand außer uns will die Grenze passieren. Nachtigall ick hör dir trapsen... das riecht nach Blockaden.  

Als Sahnehäubchen ist es mit dem schönen Wetter an der Küste jetzt auch wieder vorbei, es zieht sich zu und Lars Reifen verliert wieder Luft und muss regelmäßig nachgepumpt werden. Bei mir fängt dann nach 50 km in Bolivien der Motor an zu stottern und nimmt ab 4000 Umdrehungen kein Gas mehr an. Er läuft zwar noch, aber nur mit max 80 km/h. Ich schiebe das mal auf die Höhe, obwohl sich im bisherigen Verlauf der Reise solche Probleme noch nicht zeigten. Komischerweise verschwinden die Probleme nach dem nächsten Tankstopp wie von Zauberhand. Ein sorgenvolles Gefühl bleibt trotzdem und der Schaden soll mich in Argentinien wieder heimsuchen...

 

So kriechen wir voran und dann erreichen wir in einem einsamen Kaff wie befürchtet die erste Straßenblockade. Alte Autowracks, quer zur Straße gestellt und nur Frauen und Kinder als "Straßenbesetzer". Ich habe inzwischen echt einen Hals auf diese selbsternannten Hüter der Gerechtigkeit und halte gar nicht an, fahre gleich über den hohen Bordstein auf den Gehweg und schwups vorbei. Lars kommt mit seiner GS leider nicht auf den Bordstein und muss die Damen mit ihren Hüten auf dem Kopf überzeugen, ihn durchzulassen. Natürlich auf deutsch, damit sie gleich merken, dass er Ausländer ist und mit diesen innenpolitischen Machtspielen nichts zu tun hat. Es klappt! Sie lassen ihn recht schnell durch. Später erzählt er mir, dass eines der Kinder sogar einen recht dicken Stein nach mir geworfen hat. Klasse, schon Kinder so mit einzubeziehen.

 

Weiter gehts, der Kloß im Bauch wird größer. Wie oft werden wir auf den kommenden 500 km durch Bolivien das noch mitmachen müssen? Die nächste Blockade in Putre ist größer: Reifen, Autos, Steine und viele Männer die dort stehen. Ich klappe den Helm auf und rolle langsam bis zu den Männern, spreche lächelnd den ältesten auf deutsch an und tue so, als ob ich was frage und nicke dabei. Motor natürlich aus. Die aus dem Tierreich bekannte "ich lege mich auf den Rücken und unterwerfe mich"-Taktik. Die Männer skandieren auch gleich no, no und schütteln den Kopf. Na mal sehen. Ich plaudere so etwas 5-6 Minuten mit dem Ältesten, die anderen werden konsequent ignoriert. Auf spanisch und deutsch verstehen wir irgendwie doch, was der jeweils andere sagt. Als er versteht, dass wir nach Argentinien wollen, gibt er seinen Mitstreitern plötzlich zu verstehen, dass wir durch dürfen. Puuuuhhhh!!! Ich bin erleichtert und auch - ich gebe es zu - ein wenig stolz, dass wir es geschafft haben.

Doch das nächste Problem wartet schon: Sprit! Zwei Tankmöglichkeiten, die auf ioverlander verzeichnet waren gibt es nicht mehr. In unserer Verzweiflung fahren wir in ein kleines Dorf namens Corque und fragen im Dorfladen nach Sprit, aber leider Fehlanzeige. Ein freundlicher junger Mann schickt uns zu einem Busfahrer, der am Ende des Dorfes seinen Bus reinigt. Den sollen wir fragen. Gesagt, getan und siehe da, er zaubert einen 20 Liter Kanister aus seinem Bus hervor und verkauft uns das wertvolle Nass für 6 Bolivianos. Denselben Preis, den Ausländer an der Tankstelle zahlen müssen. Das nenne ich fair, hier an Ende der Welt. Zum Glück hat Lars noch genau den Betrag in bolivianischen Geld. Dollars wollte der gute Mann nämlich von mir nicht annehmen. Wir sind happy, mit dieser Menge Sprit schaffen wir es genau bis Uyuni, wo Geldautomat und Tankstelle auf uns warten. Keine 30 km weiter schlagen wir uns seitlich in die Pampa und zelten mitten im Nichts. Herrlich unter diesem gigantischen Sternenhimmel! Es mischt sich Erleichterung darüber, es bis hierher geschafft zu haben mit der Sorge, wie es morgen wohl weitergeht.

Und es geht gut weiter!

Bis zum Salar Uyuni passieren wir noch so einige Blockaden, die aber immer verlassen sind und aus Steinen und Sandhaufen bestehen. Kein Problem mit den Mopeds darüber oder über kleine Sandpfade drumherum zu kommen. Und so erreichen wir gegen frühen Nachmittag den Salar von Norden her über die Berge mit einer Wahnsinnsaussicht auf die riesige Salzfläche. Viel beeindruckender, als die flache Anreise über Uyuni. Wir zelten wieder an unserem bekannten Platz an der Fischinsel, genießen die Magie dieses Ortes und nehmen uns ausführlich Zeit zum Filmen und Fotografieren. Ich genieße jede Minute dort und auch die neuerliche Abreise, diesmal 100 km über das Salz nach Süden und nach Uyuni. Dort wartet wieder ein Problem, nein falsch es sind gleich zwei:

Nummer eins: das festgebackene Salz an den Vorderradholmen hat die Dichtungen ruiniert und ich verliere Gabelöl aus dem rechten Holm. Mist, aber ein Problem, dass ich erst in Salta/Argentinien beim KTM Händler lösen kann. Nummer zwei: Nach der obligatorischen Wäsche des Mopeds springt die KTM nicht mehr an. Ich orgele fast die Batterie leer, bis sie endlich ein Lebenszeichen von sich gibt. Selbst bei der Fahrt durch Uyuni geht sie noch dreimal aus. Das darf doch nicht wahr sein! Erst als ich außerhalb der Stadt richtig Gas geben kann und die Wärme des Motors das Wasser (wahrscheinlich) im Zündkabel verdunstet, läuft sie wieder. Wir fahren an dem Tag noch nach Tupiza vor der argentinischen Grenze. Auf diesem Abschnitt nervt uns wieder Lars` Hinterreifen, der mehrmals nachgepumpt werden will. Morgen müssen wir damit zum Reifenflicker, so können wir keine langen Strecken mehr überwinden.

 

Der eigentlich nicht als spektakulär erwartete Weg nach Tupiza entpuppt sich gegen Ende als Route mit deutlich hohem "ahhh" und "ohhh" Passagen. Der liebe Herrgott hat hier seinem Farbkasten freie Hand gelassen und Felsen in allen Formen und Farben geschaffen. Ich bin immer wieder von der Geologie hier beeindruckt. So viele unterschiedliche Gesteinsarten auf engestem Raum und in allen Verwitterungsformen sind wirklich sehenswert! Auch das ist wieder in keiner Reisebeschreibung zu finden. Wie so oft sind es die unbekannten Entdeckungen, die am meisten beeindrucken!

In Tupiza freue ich mich wieder auf ein Hotelzimmer mit heißer Dusche und schlafe endlich mal wieder richtig gut aus. Jetzt sind es nur noch wenige Kilometer bis zur argentinischen Grenze, die wir nach Frühstück und Einkaufstour Mittags erreichen und aus endlich aus Bolivien ausreisen.

Ich bin erleichtert, keine Evo Morales Schmierereien an jedem Felsen und an jeder Mauer zu sehen. Nicht mehr hinter jeder Kurve eine Blockade zu vermuten und an jeder Tankstelle zu hoffen, dass ich als Ausländer Benzin bekomme. Das Land hat mit dem Salar und der Lagunenroute wirkliche Highlights zu bieten. Die ganze Atmosphäre in den Städten war jedoch von Lähmung, Misstrauen, Wut und Ablehnung geprägt. Und das spürt man auch deutlich als Tourist. Das mag zu politisch ruhigeren Zeiten anders sein, in den letzten Wochen war es aber genauso.

 

Jetzt heißt es, das Schöne erinnern, das weniger Schöne vergessen und Augen nach vorn für unser viertes und letztes Land auf dieser Tour:
Argentinien!