· 

Durch die einsamen Berge vom Machu Picchu nach Ica

 

Vom Machu Picchu nach Ica zur größten Düne der Welt

 

 

 

Von unserem Standort Santa Teresa nach Ica gibt’s es verschiedene Optionen. Lars möchte nach Norden über die Routa 100 fahren, die sich auf der Karte wie eine Schlange durch einsames Hochland schlängelt, mehrere Gebirgszüge überquert und schon sehr reizvoll aussieht. Auf der Papierkarte ist 1/3 Schotter und 2/3 Teer eingezeichnet. Eigentlich gut, ich habe nur Sorge wegen der Höhe und dem Wetter. Hier regnet es zur Zeit täglich und das nicht wenig. Da sich auf der 350 km langen Route bis zur nächst größeren Stadt Andahuaylas keinerlei Hostels befinden und ich nicht mit meiner Dackelgarage im Regen campen will, entscheide ich mich für die Südroute: 90 km Offroad über die 109 bis zur geteerten Routa 3S und dann eine Zwischenübernachtung in Abancay. Treffen ist dann übermorgen in Andahuaylas verabredet. Gesagt, getan und alleine los. Die Offroadstrecke ist ein kleiner, schmaler, verschlammter Weg. Mir kommen einige Autos entgegen und ich wundere mich schon, wieso einige Winken. Irgendwann hält mich ein entgegenkommendes Auto an und gibt mir zu verstehen, dass die Straße weiter unten gesperrt ist. Na toll. Also gewendet und hinter Lars her, dann eben doch die lange Strecke durch die Berge. Ich schreibe ihm eine Whats App, dass ich hinter ihm bin und fahre los. Nach einer halben Stunde auf Teer biege ich links in den Bergweg ab, schön klein und rüttelig, wie befürchtet. An einer Engstelle an einer Geröllhalde wird mit schweren Baggern die Straße instandgesetzt. Gerade als ich passiere, machen die Arbeiter Pause und winken mir zu. Eine weitere Stunde später schaue ich wieder auf´s Telefon und lese, dass Lars noch in einem Ort getankt hat und Geld geholt hat, also hinter mir ist. An der Baustelle ist er leider nicht mehr durchgekommen, da die Jungs ihren Bagger wieder angeschmissen haben. Erst nach Feierabend gegen 17 Uhr wollen sie ihn durchlassen. Na klasse. Er entscheidet umzukehren und eine noch längere Teerstraße im Norden zu nehmen. Ich bin wenig begeistert. Dann mal rein in die Einsamkeit der peruanischen Berge. Es ist ein komisches Gefühl, die lange Strecke jetzt alleine fahren zu müssen, ohne es eigentlich gewollt zu haben. Seltsame Zufälle heute. Und gleich kommen dann wieder die blöden Gedanken wegen Panne, Unfall und Co. Da hilft nur an was schönes denken, um die miesen dunklen Gedanken zu vertreiben. Die Piste schraubt sich über mehrere Gebirgszüge, die menschlichen Siedlungen werden immer spärlicher, die Piste oben immer grober. In den engen, groben Serpentinen bin ich wieder mal froh, so ein leichtes Motorrad unter dem Hintern zu haben. Mit einer dicken Kiste wäre das hier kein Spaß. Regen fällt da oben natürlich auch, beim Anziehen der Regenklamotten frage ich mich schon, wo ich heute irgendwo ein trockesnes Plätzchen zum Schlafen finde. Das sollte sich als schwierig erweisen, ich fahre immer höher, die Hänge immer steiler und das Tageslicht immer weniger. So langsam schleicht sich verzweiflung ein. Hier ist einfach alles steil, nass und schmutzig. Als ich in der Dämmerung von einem Pass wieder abfahre und immer noch nichts finde, bleibt mir nichts anderes übrig, als direkt neben der Straße mein Zelt aufzustellen. Der Ort ist alles andere als ideal, dafür ist die Aussicht grandios und es regnet gerade mal nicht. So sitze ich in meinem Stuhl vor dem Zelt, lasse den Blick schweifen, mache eine Dose Bohnen warm und bei ungefähr lauwarmer Temperatur im Topf versiegt die Gaszufuhr aus dem Kocher. Klasse, ich muss schon fast lachen, ob der Absurdität der Situation: da sitze ich allein auf einer Piste, die ich nicht fahren wollte, noch 170 km vor mir und morgen früh gibt es keinen Kaffee. Shit. Es kommt noch besser: gerade eingeschlafen werde ich vom Trommeln dicker Regentropfen auf dem Zeltdach wach. Das fehlt gerade noch. Ich schlafe mit einem Schuß Fatalismus wieder ein und schlafe auch gut bis 6 Uhr, aber das Zelt schwächelt und ich spüre im Fußbereich Feuchtigkeit, die da nicht hingehört. Beim Abbau ist alles nass und schmutzig, in kürzester Zeit bin ich wieder unterwegs. Beim Aufrödeln kommen ca. ein Duzend gummistiefelbewehrte Landarbeiter, Frauen mit Babys und Schulkinder an meinem Schlafplatz vorbei. Alle sind freundlich neugierig, einige schütteln mir die Hand und plaudern auf mich ein. Schöne Begegnungen, auch ohne gemeinsame Sprache.

 

Der zweite Tag schließt sich nahtlos an den ersten Tag an. Wunderbare Landschaft, Höhenmeter ohne Ende und eine Piste, die 25 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit zulässt. Mal Regen, mal Sonne, in den Tälern schwitzen, auf den Höhen nass, neblig und kalt. Die Kilometer werden im Schneckentempo abgefahren, bei 170 km bis zur nächsten Teerstraße kommt mir das endlos vor. Hier eine Panne zu haben, wäre fatal. Trotz zeitweiser Sorge funktioniert aber alles Sturz- und pannenfrei. An der Teerstraße könnte ich den Belag küssen. Was für ein Genuß, so sanft die letzten Kilometer nach Andahuaylas ins Hotel zu gleiten. Es rappelt zwar alles von den 350 km Piste, aber darum kümmere ich mich morgen. Jetzt heißt es heiß duschen, essen und die komplette Campingausrüstung in dem kleinen Zimmer zum Trocknen aufhängen. Ein herrliches Bild!

 

Lars ist inzwischen schon in Ayacucho, ca. 250 km vor mir eingetroffen. Er ist zwei Tage im strömenden Regen gefahren und auch bedient. Wir verabreden uns dann für übermorgen in Ica, da er lieber dort auf mich warten will, als hier in den häßlichen Städten.

 

Also stehen 2 Transit Tage an, zuerst 230 km nach Ayacucho und dann noch 420 km nach Ica. Der erste Tag ist durchwachsen, ich werde auf 100 km gewaschen, aber es gibt auch sonnige Passagen. Die Straße ist wieder ein Traum: wunderbare Serpentinen, gute Kurvenradien und prima Teer. Außerhalb der Städte ist auch kaum Verkehr, aber die Ortsdurchfahrten nerven mit ihren Hubbeln, die so hoch sind, dass man sich im Rodeo wähnt. In Ayacucho finde ich ein schönes Guesthouse und sitze abends mit einem netten Pärchen aus dem Schwarzwald zusammen und wir tauschen Reiseerfahrungen aus. Die lange Etappe ist sonnig, was ein Glück! Lars hatte gestern Hagel und 6 Grad auf der Strecke...

Der Tag lässt jedes Motorradfahrerherz höher schlagen: nur Kurven, Serpentinen, Überquerung mehrerer Gebirgszüge, die wirklich einsam sind, höchster Punkt 4770 m, Zielort 130 m üNN. Die 7 Stunden vergehen wie im Flug. Nervig sind nur wieder die Stadtpassagen mit dem absolut mörderischen Verkehr. Heute war das Highlight in Sachen asoziales Fahren. Aber inzwischen habe ich mich angepasst und fahre genauso, incl. rechts überholen. Im Hostel treffe ich dann Lars wieder und wir tauschen unsere Erlebnisse bei einem kalten Bier aus...