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Holzflöße, schwimmende Inseln und ein entpannter Grenzübergang

Die Nacht im "Casa Relax" war erholsam, wir schlafen volle 10 Stunden und holen die Stunden von der gestrigen "Flucht" nach. Um 10 Uhr gehts wieder auf die Straße, nachdem die Kette neu geölt und der Ölstand kontrolliert ist. Die kommenden 80 km sind ein Traum. Wir schlängeln uns auf gutem Teer entlang des Sees, immer zwischen 3900 und 4400 m Höhe. Dabei könnten wir hinter jeder zweiten Kurve anhalten und Fotos schießen, so schön ist die Aussicht auf den azurblau schimmernden See. Entgegen vieler Beschreibungen im Internet ist das Wasser hier unten im Süden kristallklar. Im Netz haben wir sowieso schon einiges an Unsinn gelesen. Doch davon später mehr.
Zeitweise kommt mir die Landschaft vor wie die Cote d'Azur ohne Bebauung. Toll. In einem kleinen Nest kann ich mir das Lachen nicht verkneifen: da sind doch tatsächlich auf der Durchgangsstraße Laufbahnen wie im Stadion mit Nummern und Entfernungsangaben auf den Teer gepinselt. Wenn Sportfest ist, wird kurzerhand die Straße gesperrt. Herrlich!
Ein weiteres Highlight ist dann die Floßüberfahrt bei San Pablo de Tiquina, die man wagen muss, sofern man nicht einen riesigen Umweg fahren will: auf einfachen Holzkähnen, in denen nur die Autospuren mit festen Holzbrettern belegt ist und sich der Rest nur mit runden Stangen als Boden präsentiert, wird das Wasser auf etwa einen Kilometer überwunden. Zu duzenden dümpeln die Kähne am Ende der Straße und warten auf Kundschaft. Gefahren wird immer dann, wenn ein Kahn voll ist. Wir werden auf einen Kahn geordert, auf dem schon ein Bus (passenderweise mit Jesus als Bild auf dem Heckfenster) und ein Minibus stehen. Bisserl eng, aber es geht. Mir macht die Fahrt einen Heidenspaß, ich unterhalte mich radebrechend mit dem Fahrer des Minibusses über die Schönheit seiner Heimat und bewundere den Mut der LKW Fahrer auf den anderen Flößen, ihr Gefährt und die Ladung diesen zweifelhaften Wasserfahrzeugen zu überlassen.
Beim Ort Copacabana, den wir kurz darauf passieren, erklärt sich der Name schon bei der Anfahrt aus den Bergen: Man schaut auf die Stadt mit einem markanten Hügel, der aussieht wie das berühmte brasilianische Vorbild in Miniatur. Der Ort beherbergt eine große Kirche aus Kolonialzeiten mit einem riesigen, goldenen Altar. Sehenswert! Bei unserem kurzen Besichtigungsstop lerne ich nich einen verrückten Iren kennen, der den Salar Uyuni mit einem Ziehkarren zu Fuß umrundet hat! Verrückt, welche Herausforderungen sich manche Leute stellen.
Nicht viel später kommen wir an die Grenze und oh Wunder:
so einen entspannten Grenzübertritt habe ich selten erlebt:
die Ausreise aus Bolivien ist in 10 min erledigt, klasse. Dann machen wir einen Fehler: da wir noch Guthaben auf unserer bolivianischen SIM Karte haben, bleiben wir noch 15 min bei unseren Mopeds vor dem Zollgebäude und suchen uns eine Unterkunft für heute abend in Puno. Inzwischen machen die bolivianischen Zöllner aber Mittag und schließen den Schlagbaum. Klasse. Bis wir das merken sind die alle beim Essen verschwunden, keiner mehr da. Wir sind echt Helden! Zum Glück ist neben dem Schlagbaum und der Mauer noch etwas Platz und ich quetsche mich mit weniger als einem Zentimeter Luft durch die Lücke. Lars muss beide Koffer abmontieren, um mit der dicken GS durchzukommen. Unter Beobachtung von einigen Einheimischen und zwei Duzend Pauschaltouristen haben wir es dann doch noch in´s Niemandsland geschafft. Das hätten wir auch leichter haben können.
Nächster Stop: Customs und Immigration Peru. Was soll ich sagen: In kürzester Zeit erledigt und super nett. Die Dame vom Zoll, die unsere Motorräder auf Fahrgestellnummer und Papiere checkt und die temporären Einfuhrpapiere ausstellt ist klasse. Wir unterhalten uns auf spanenglisch und kommen so richtig ins schwärmen, als wir einen Aufkleber an der Wand entdecken: Long Way Up, die dritte Tour von Charley Boorman und Ewan McGregor, diesmal von Ushuaia bis nach LA. Die waren 10 Tage vor uns da und ich bin traurig, dass wir die verpasst haben. Den Tross und vorallem Charley hätte ich gerne mal live erlebt. Die Dame vom Zoll teilt meine Gefühle, die hatte nämlich frei und hat Mr. Star Wars nicht getroffen.
Nach einer Kfz Versicherung für Peru fragt uns keiner, die muss in der nächsten Stadt, ca. 5 km weiter gekauft werden. Hier hat uns so mancher Bericht im Internet gewarnt, dass just auf dieser Strecke korrupte Polizisten den Reisenden auflauern und abkassieren. So ein Quatsch, die Straße ist leergefegt und wir können in Yunguyo am ATM Geld holen, eine SIM Karte kaufen (3GB für 8 €) und die Versicherung für 30 Tage erstehen (25 €). Während des ganzen für selbstreisende lebenswichtigen Prozederes wartet immer einer von uns bei den Mopeds. Und siehe da, die Leute quasseln uns an, eine Mama setzt ihr Kind aufs Moped, um Bilder zu machen und es wird gelacht!
Wie wohltuend das ist nach der dumpfen Erfahrung mit den Menschen in Bolivien. Peru gefällt mir jetzt schon!
120 km bis nach Puno haben wir noch vor uns. Es ist landschaftlich nicht mehr ganz so schön und flacher als auf der bolivianischen Seite, aber wir kommen trotz Polizeikontrolle mit Papierecheck gut voran.
Wohltuend ist auch, dass nicht mehr alle 2 Kilometer eine Evo Morales Werbemalerei an Wänden, Mauern und Felsen unsere Augen beglückt. Stattdessen wird in Peru der Begeisterung für den jeweiligen örtlichen Fußballclub freien Lauf gelassen und an jeder Wand kundgetan.
In Puno erwartet uns dann wieder das Chaos: die über Airbnb gebuchte Unterkunft hat entgegen der Beschreibung keine Parkplätze. Also weitersichen in der Stadft. Dort ist ein Umzug imgange, der dem Kölner Rosenmontagszug alle Ehre machen würde und der Verkehr kommt total zum erliegen, also das dritte Mal umplanen und ein gut bewertetes Hostel am Stadtrand aufgesucht. Bei Booking 24 € das Einzelzimmer, bei direkter Anfahrt und Nachfragen: 14 €! Das machen wir jetzt immer so. Im Netz aussuchen und ohne Buchung hinfahren. Da Nebensaison ist, gibts mit vollen Hostels eher keine Probleme. Ich bin am Abend ziemlich Müde, schreibe noch den Blog und lasse das Abendessen ausfallen. Das Bett lockt mehr!
Am nächsten Tag gehts zu den schwimmenden Inseln der Uro, die diese Form des Wohnens damals aus Not gewählt haben, nämlich aus Furcht vor den Incas. Da haben sie mal eben Schilf gebündelt und zu schwimmenden Inseln umfunktioniert und lebten dort von Fischfang und gelegendlichen Ausflügen an Land. So waren sie vor Angriffen geschützt. In den 1950ern ist dieses Volk ausgestorben und heute sind die schwimmenden Inseln eine reine Touristenattraktion. Wir fahren 30 min raus, bekommen eine 30 minütige Führung und werden danach 2 Stunden von Souvenierständen und Restaurants bedrängt, etwas zu kaufen. Es war eber erträglich und nicht zu aufdringlich.
Wir erwischen ein Boot ausschließlich mit einheimischen Gästen, die dann Spaß mit uns hatten, als wir erzählen, dass wir aus Deuschland sind. Es gibt sogar Applaus bei der Vorstellungsrunde zu Beginn... herrlich. Mit dem ein oder anderen spanenglischen wir ein bisschen und ich bin froh, dass wir hier mal ein wenig Kontakt bekommen. Dem Tourismustreiben kann man zwei Seiten abgewinnen: auf der einen Seite hat das mit dem ursprünglischen nichts mehr zu tun, auf der anderen Seite erhält der Tourismus die schwimmenden Inseln mit ihren 2000 Einwohnern. Ohne diese Einnahmen würden die nämlich in kürzester Zeit in den Fluten des Titicacasees verschwinden.
Ich fand den Tag jedenfalls ganz schön. Etwas zu lang, aber auf jeden Fall sehenswert.