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Eingesperrt in La Paz

Von Sucre nach La Paz:

Es war gar nicht so leicht, uns von unserem Luxushotel zu verabschieden, zum Glück kommen wir problemlos ohne Straßenblockaden aus Sucre raus. Heute und am Sonntag sind die Blockaden aufgehoben und wir können auf jeden Fall schon mal La Paz erreichen. Von Sucre gibt uns das Navi eine Strecke, die wieder über Potosi geführt hätte - das wollten wir natürlich nicht. Laut unseren Papierkarten gibt es eine direktere Verbindung über den Ort Oruro, die zwar nur als Schotterstraße eingezeichnet ist und auf Google Maps gar nicht erscheint, aber das sind ja genau die Strecken, die uns reizen. Anfangs fahren wir auch durch die immer gleiche Anatomie der Städte auf guter Teerstrasse raus, zuerst die schönen Innenstadtbereiche, dann die einfachereren, unfertigen kleinen Häuser mit Straßenmärkten und viel Müll an der Straße, dann die Industriegebiete mit noch mehr Dreck und apokalyptischen Anblick und dann gehts endlich durch wunderbar duftende Eukalyptuswälder. Die Straße lässt sich auch wunderbar durch die Berge fahren, eine Kurvenorgie nach der anderen, immer zwischen 3600 und 4400 m Höhe und wunderbaren Aussichten. Nicht ganz so spektakulär anzuschauen wie schon erlebt, aber wunderbar zu fahren. Manche Schlucht wird durch spektakuläre Strassenführung bezwungen, die FArben der Berge wechselt wieder alle paar Kilometer. Die angekündigte Schotterstrecke stellt sich hingegen gar nicht mehr ein. Die Piste wurde wohl vor ein bis zwei Jahren neu geteert und beschert uns bis Oruro weiter Kurvenspaß. Auch nicht schlecht. Je näher wir der Stadt kommen, in der wir in einem einfachen Hotel einen Zwischenstopp einlegen, desto mehr Industrie und Bergbau begegnen wir wieder. Und das ist manchmal so atemberaubend hässlich, dass wir uns in einem Mad Max Film wähnen.
Der letzte Abschnitt von Oruro über die Routa 1 ist eine gerade, flache, langweilige Autobahn. In La Paz wollen wir Freunde von Lars besuchen, Ellen und Markus. Beide auch Motorradreisende, die Lars in Afrika kennengelernt hat und die in der Innenstadt wohnen. 33 km vor dem Ziel kommen wir in dicht besiedeltes Gebiet, das kann doch nicht sein, denken wir, wo ist den der Kessel von La Paz? Es dauert tatsächlich noch fast 20 km durch chaotischen Verkehr, bis wir plötzlich den Mund nicht mehr zubekommen. La Paz liegt in deinem Kessel, der sich von 3200 m unten bis 4100 m erstreckt. Und das nicht gerade in flacher Steigung, sondern total steil und überall wild bebaut. Wir stehen an der Hangkante und versuchen mal wieder dieses surreale Bild greifen zu können. Einfach eine unglaubliche Stadt. Die Straße windet sich über gefühlt 1001 Kehren nach unten, es riecht nach Kuppliung und Bremsabrieb. Komischerweise ist die Innenstadt komplett frei und ohne Stau zu befahren. Später erfahren wir warum. Von Markus und Ellen werden wir so herzlich empfangen, es ist Sonntag und wire werden gleich mit zu einer Gartenparty eingeladen, bei der neben Arbeitskollegen und Freunden auch die stellvertretende schweizer Botschafterin zu Gast ist. Es gibt nur ein Gesprächsthema: die morgen beginnenden Proteste und Blockaden des öffentlichen Lebens nach der offensichtlich manipulierten Präsidentenwahl. Einige raten uns, sofort die Stadt wieder zu verlassen oder spätestens morgen Nacht zu versuchen, nach Peru zu kommen. Ups. Die Lage hier in der Stadt mit dem Regierungssitz scheint kritischer zu sein, als erwartet. Eigentlich wollten wir übermorgen zu einer 3-tägigen Urwaldtour in Rurrenabaque aufbrechen. Wir buchen heute aber erst mal nicht und schauen uns die Entwicklung der Lage morgen an. Dafür haben wir ein super nettes und leckeres Dinner mit unseren Gastgebern. Das sind auch solche wertvollen Begegnungen auf Reisen. Obwohl ich sie erst gerade kennengelernt habe, verstahen wir uns prima. Viele Geschichten und Reisetipps fliegen über den Tisch und als die Flasche Wein leer ist, gehen wir schlafen. Am nächsten Tag wird es nicht besser: wir versuchen ohne Koffer und Gepäck zu einer Tagestour außerhalb der Stadt zu kommen und scheitern nach einer Stunde Odysee durch die Straßen. Kein rauskommen. Einige Demonstranten lassen uns passieren, andere sind recht aggressiv, als wir an die Hindernisse heranrollen. Irgendwann geben wir auf und schlagen uns zurück zu unseren Gastgebern. Auch der Versuch zu Fuß etwas einzukaufen und den Flug in den Urwald zu buchen scheitert. Alles geschlossen. Also bleiben wir, wie viele andere auch den ganzen Nachmittag im Haus. Nur wenige hundert Meter von uns tobt auch eine Straßenschlacht mit Tränengas und Gewalt. Freunde von Ellen und Markus konnten das Filmen und schicken den Film. Beklemmend!
Unter diesen Umständen gibt es natürlich nur eine Entscheidung: alle Pläne streichen und heute Nacht um 3 Uhr raus aus der Stadt und an die peruanische Grenze fahren. Nachts werden die Straßenblockaden aufgehoben. Um ganz sicher zu gehen bucht uns Ellen ein Taxi, das uns über die besten Wege raus aus der Stadt bringt und auch dafür sorgt, dass wir nicht in eine unsichtbare Drahtfalle fahren. Ich finde diesen ganzen Protest grundsätzlich gut, es geht gegen Wahlfälschung und einen Staatschef, der sich widerrechtlich an der Macht hält. Gerade jetzt mitten drin zu stecken, ist aber nicht so witzig. Wenn die Lage eskaliert und evt. Militär eingesetzt wird, möchte ich das lieber aus dem Nachbarland beobachten, statt auf unbestimmte Zeit hier eingesperrt zu sein. Hoffentlich beruhigt sich die Lage und wir können auf unserer Rückreise von Peru in 3 Wochen nochmal hierher zurückkehren. Mal sehen, ob wir heute Nacht gut rauskommen. Um das Glück perfekt zu machen, entdeckt Lars beim Packen noch einen Nagel in seinem Reifen, den er noch flicken muss. Na klasse, aber besser hier im Hof, als morgen in der Stadt.