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Straßensperren, Unfall und viel Glück! Von Potosi nach Sucre

Nach den überwältigenden Naturerlebnissen auf der Lagunenroute und dem Salar de Uyuni standen nun 2 Welterbestätten auf dem Programm:
die Bergbaustadt Potosi und die weiße Stadt Sucre, die laut Wikipedia als eine der schönsten Südamerikas gilt. Von Uyuni nehmen wir die Routa 5, die sich spektakulär durch das Vulkangebirge schlängelt. Wieder scheinen alle Farben von den Bergen herab, große Lamaherden grasen in den Hochebenen, die Strasse ist in einem top Zustand und wir fliegen in den gleichmäßigen Kurven dahin. Leider haben wir keine Zeit für Fotostopps, da wir unbedingt noch im Tageslicht ankommen möchten. Auf dieser Strecke ist ein Bekannter von uns im letzten Jahr mit einem Lama kollidiert und musste verletzt seine Reise abbrechen. Daher immer schön runter vom Gas, wenn Tiere zu sehen sind. Auffällig ist auch die Wahlwerbung für Evo Morales überall an der Strasse. Aber nicht mit Papierplakaten wie bei uns, sondern mit Bemalungen an Felsen, Häusern, Brücken und sogar auf der Strasse selbst. Wie bei der Tour de France ist die Straße zeitweise zugekleistert mit Wahlsprüchen. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir den Cerro Rico, den Silberberg Potosis, der den Reichtum der Stadt durch Silbervorkommen begründet hat. Gleichzeitig zeigt sich auch der ganze Wahnsinn, der hier herrscht: Abraumhalden rund um die enge Stadt, oben in den Minen graben bis heute Einzelne um ihr Glück im Berg zu finden, Dynamit kann frei gekauft werden. Irre!
Irre ist auch der Verkehr in den engen Gassen mit reichlich Einbahnstrassen. Wir kämpfen uns eine halbe Stunden zum Hotel, durch steile, enge Bergstrassen und hinter qualmenden Bussen her, verfahren uns und sind einfach nur genervt. Kurz vor dem Hotel gibt dann auch noch Lars Kupplung auf und trennt nicht mehr. Die GS stinkt bis zum Himmel. Na klasse! Aber wenigstens haben wir es geschafft und stehen im Innenhof des Hotels. Die 4100 m Höhe fordern auch ihren Tribut, Moped abrödeln und Gepäck in den zweiten Stock tragen kommt mir vor wie ein Halbmarathon. Fix und Foxi! Mich erwischt dann auch noch der flotte Otto, der mich die halbe Nacht wach hält und den nächsten Tag zu einem Pausentag macht. Der wäre aber sowieso gekommen, da die bolivianische Bevölkerung gegen den (wahrscheinlichen) Wahlbetrug der Präsidentenwahl protestiert. Das sieht dann so aus, dass der unterlegene Wahlgegener zu zivilem Ungehorsam aufruft und die Strassen versperrt werden. Mit Autos, Wäscheleinen, Draht, Steinen, Stühlen und was sich sonst so eignet. Wir bekommen von Gewalt und Ausschreitungen nichts mit, im Gegenteil: die ganze Altsstadt verwandelt sich in eine riesige Fußgängerzone. Ohne stinkende Diesel, Lärm und Hektik. Also machen wir heute außer einem ruhigen Spaziergang nicht viel. Ach doch: eine schöne Kaffeepause auf der sensationellen Dachterrasse mit Blick über die ganze Stadt und den Cerro Rico. Das Hotel ist auch erwähnenswert: ein eigentlich wunderschönes, altes Stadthaus mit Innenhof und Dachterrasse, aber dermaßen abgewohnt, dass es schon fast einen morbiden Charme hat. Bei mir bricht der Duschkopf ab, das Bett ähnelt einer Kuhle und das WLAN funktioniert mal und mal nicht. Schön, dass da die Mitarbeiterinnen den Terracottaboden wachsen und mit einer dicken Schicht beziehen, dass es uns beim Laufen schier hinhaut.
Am nächsten Morgen kämpfen wir uns nach dürftigem Frühstück durch die Straßenblockaden der Stadt. Meistens können wir die Schnüre anheben, auf dem Bürgersteig fahren oder die Hindernisse beiseite schieben. Die Leute lassen uns gewähren, niemand macht uns als Streikbrecher an. Spannend ist es trotzdem. Auf halber Strecke nach Sucre wirds dann ernst: in einer Bergarbeitersiedlung ist die ganze Belegschaft auf der Straße und hat auf ca. 2 km die komplette Straße mit Steinen, Autowracks, Scherben, Holz, etc. blockiert. Ob die uns auch durchlassen? Ich rolle mit mulmigen Gefühl an die Sperren heran, die Arbeiter sitzen quer über die Strasse auf Reifen. Ich beobachte die Gesichter und erwarte jetzt wild gestikulierendes Aufschreien, aber nichts dergleichen: Sie lassen uns mit einem Lächeln durch, ich zeige einen Daumen nach oben für ihre Aktion und es strahlen uns nur freundliche oder zumindest gleichgültige Leute an. Auf Touris haben sie es nicht abgesehen, ich bin erleichtert. Mit einem Auto wäre hier kein Fortkommen, mit dem Motorrad können wir uns zwischen den Steinen, Autowracks und Glasscherben hindurchschlängeln. Trotzdem fahre ich zeitweise euf einem parallelen Feldweg, um den Scherben aus dem Weg zu gehen. Wir sind für diese Leute eher eine willkommene Abwechslung.
Mir schießt in dem Moment der Gedanke durch den Kopf, dass es hier für diese Leute um ihre Existenz und ihre Lebensumstände geht, das Wohl ihrer Familie und Kinder. Für uns geht es um das Erreichen unseres Tagesziels. Nicht mehr. Was ein Unterschied - wieder einer dieser Momente, in denen ich dankbar bin in Deutschland/Europa leben zu dürfen.
In Sucre ist es dann nicht mehr so einfach. Die Einfahrt in die Stadt ist komplett mit querstehenden Fahrzeugen zu. Keine Chance durchzukommen. Selbst die einheimischen Motorradfahrer ohne Gepäck kehren um. Shit! Wir studieren die Karte und entdecken eine kleine Schotterstrecke, die sozusagen von hinten in die Stadt führt. Also 10 km zurück und links rein in den geschotterten Eselspfad. Der schlängelt sich den Berg hoch und auf halber Strecke passiert es dann:
von oben kommt uns in einer nicht einsehbaren Kurve ein wahnsinniger Bolivianer mit einem Affenzahn auf einer Vollcross ohne Nummernschild entgegen, wird in der Kurve rausgetragen und prallt gegen den vorne fahrenden Lars, reist ihm dem Koffer ab und schickt ihn mit der GS in die Böschung, genau in einen Kaktus hinein. Mich verfehlt er glücklicherweise, aber ich weiche auch aus und lande mit dem rechten Bein im Kaktus. So ein elender Penner. Der bleibt zwar stehen, verschwindet dann aber schnell, als er registriert, dass keine bösen Verletzungen geschehen sind. Das war auch gut für ihn, ich hatte so eine Wut, dass ich ihm gerne eine gescheuert hätte. Mit gemeinsamen Kräften ziehen wir die GS aus dem Kaktus und begutachten die Schäden. Ein paar Plastikteile ab, nichts schlimmes. Lars verdreht sich den Fuß, kann aber weiter fahren, abends hat er schon ganz schön Schmerzen. Mir passiert außer einem Duzend langer Stacheln im Bein nichts. Das hätte noch schlimmer ausgehen können. Der Schreck sitzt jedenfalls tief. In Sucre ist wieder alles voll mit Strassensperren. Das Hotel zu finden ist wie in einem Computerspiel, hier gehts, da nicht, da kommen wir durch, da nicht... wenigstens sind die Leute friedlich und lassen uns gewähren, wenn wir die Hindernisse beiseite räumen. Schon eine komische Atmosphäre: trotz des Protests friedlich und entspannt. Belohnt werden wir nach der Hindernisfahrt mit unserem Hotel: Das Plaza Hotel, direkt am Place 25, dem zentralen Platz in Sucre für je 15 € pro Nacht. Ein schön renoviertes 200 Jahre altes Herrenhaus im spanischen Stil, mit ruhigem Innenhof, Pool und bestem Wifi. Ein wunderschönes Haus! Die Motorräder werden standesgemäß ins Hotel vor die Rezeption gefahren, zuerst glaube ich den Hotelmitarbeiter falsch zu verstehen. Ich fasse es nicht.
Direkt vor dem Hotel sind noch die Reste der brennenden Autoreifen zu sehen, trotzdem kommt uns die Atmosphäre nicht aggressiv vor. Auch hier ist die ganze Stadt wieder Fußgängerzone, Kinder spielen Fußball auf der Strasse und die Leute sitzen auf den Bänken. Morgen soll es einen Protestmarsch geben, das bedeutet wir kommen hier wieder nicht weg und müssen wieder einen Tag länger bleiben. Bei dem schönen Hotel verschmerzbar. Wir sind jedenfalls sehr gespannt, wie sich die politische Situation weiter entwickelt und ob der noch amtierende Präsident Evo Morales sich auf eine Stichwahl einlässt...
Beim Abendspaziergang fasziniert mich die Stadt: wunderschöne, alte Gebäude, Menschen überall auf der Straße, die Plätze voll mit Strassenständen, angenehme Temperaturen. Einfach Toll! Da schmeckt die Pizza und das Bier nochmal so gut!