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Schrecklich schön: die legendäre Lagunenroute

Wir sagen Chile Adios und wuchten unsere Motorräder mit zusätzlichen 6 ltr Wasser und 18 ltr Sprit in Kanistern und Flaschen die schnurgerade Teerstrasse hoch zum Hito Cajon, der chilenischen Grenzstation. In eine Art Flugzeughangar rollen wir hinein - mal wieder mit diesem flauen Gefühl im Magen, ob wohl alles glatt geht. Es geht gut... war auch unkompliziert. Ein wenig lange dauerte es zwar, weil 4 Reisebusse von Bolivien nach Chile einreisen wollten und die Grenzer mit den Einreisenden genug zu tun hatten. Wir müssen bei Ausreise und Zoll für die Mopeds ein paar Mal nachfragen und unsere Weiterfahrt durch penetrantes "dürfen wir jetzt fahren?" beschleunigen. Eine Grenzzerin erbarmt sich dann und fertigt uns schließlich ab. Dank der grandiosen iOverlander App finden wir die Immigration und den Zoll auf bolivianischer Seite auch sofort, allerdings war der Weg dorthin schon durch Tiefsand, Wellblechpiste, tiefem Kies, groben Geröll gezeichnet. Noch hoffen wir in unserer Unerfahrenheit, dass das sicher daran liegt, dass wir ja noch im Niemandsland zwischen den Ländern unterwegs sind. Der Kontrast schon bei den Grenzstationen ist gravierend. Bolivien ist so viel ärmer als Chile und selbst hier oben merkt man das an den Gebäuden, den Pisten und den klapprigen Computern in den einfachen Zollcontainern. Es klappt alles etwas träge, aber ohne Komplikationen. Den Eintritt in den Park (150 Bolivianos = 20 €) zahlen wir gleich im nächsten Gebäude. Damit sind wir durch, durch die höchste Grenzstation der Welt mit etwas über 4800 m. Zum Glück sind wir ausreichend Akklimatisiert und haben außer der Kurzatmigkeit keine Probleme mehr.
Ohne Komplikationen sind die Pisten dann leider nicht... es wird nicht besser, eher im Gegenteil. Die Strecken werden immer schlimmer. Die ersten Highlights Laguna Verde und Laguna Blanco sind direkt hinter der Greenze und wir sind schon durchgeschwitzt bis dorthin. Ständig muss man auf die Piste schauen und mehr als 40 km/h sind nirgends drin. Die Aussicht können wir nur beim Stop genießen. Im Tiefsand und - auch gerne genommen- der Tiefkies mit Wellblech gehts nur mit 10 km/h. Am heutigen ersten Tag schaffen wir nur 110 km, davon noch 40 km Teer... uns wird schnell klar, dass der Abstecher zum Uturuncu schweren Herzens gestrichen werden muss. Das wären zusätzlich 180 km Piste plus die Auffahrt, also 3 Tage mehr. Das schaffen wir von den Vorräten und auch von unserer Motivation auf Wellblech her nicht.

Dafür sind die Lagunen atemberaubend schön. Diese Farben umrahmt von ebenfalls bunten Bergen in dieser klaren Luft und Einsamkeit. Einmalig! Mit das schönste, dass ich bisher gesehen habe! An der Laguna Chalviri schlagen wir unser erstes Camp auf. Wegen des extrem starken Windes in einem Steinbruch, dessen Kieshaufen etwas Schutz bieten. Leider verhindert der Wind auf der gesamten Route, dass ich länger mit der Drohne fliegen kann... grrr...

Am Abend gibts noch schnell eine Dose Thunfisch ohne Brot und einen Kaffee und ab in den Schlafsack. So schön es ist, es macht einfach keinen Spaß, bei der Kälte draussen zu sitzen. Sobald die Sonne weg ist wollen wir nur noch in den Schlafsack. Wenn Mutter Natur dann Nachts ruft, kann das Geschäft auch nicht schnell genug gehen und man zittert sich bei etwa -10 Grad einen ab.

Der zweite Tag führt uns dann zum Highlight der Lagunenroute, der Laguna Colorada. Sie trägt ihren Namen zurecht, die Komposition von Rottönen, Weiß, Grün, Braun und den Flamingos mittendrin lässt einen ehrfürchtig staunen. Aber erst nachdem wir uns 10 min ausgeruht hatten, denn die Strecke war wieder vom Feinsten. Wir treffen auch 2 Österreicher mit der gleichen Routenplanung und helfen uns gegenseitig aus dem Sand und bei den gelegendlichen Stürzen. Heute schafften wir in 7 Stunden ganze 80 km! Und mir geht das Gerüttel schon so was auf den Nerv, dass ich froh bin, dass das Intercom meistens aus ist und Lars meine Flüche nicht hört. Zwischendurch besichtigen wir noch ein unberührtes Geysirfeld, dass uns ob seiner brodelnden Wildheit fasziniert. Mordor lässt grüßen. Wir zelten an einem Tour-Hotspot der gewerblichen Anbieter, einer schönen Felsformation nördlich der Laguna Colorada und stellen begeistert fest, dass Lars eine 2,2 ltr Flasche Wasser verloren hat und meine 3 ltr Flasche auf dem Motorradkoffer durchgescheuert ist und nur noch 1 ltr beinhaltet. Na toll! Abzüglich des Wassers für die Nudeln heute Abend bleibt jedem noch knapp ein halber Liter... das reicht nicht, wir müssen die Jeep Touristen morgen um Wasser bitten... Die Nacht ist kurz, ich habe Durst und mache mir schon Gedanken, dass wir morgen gut weiterkommen. Beim Kaffee kochen am Morgen löst sich das Problem wie von Engelshand: es kommen eine Neuseeländerin und eine Engländerin die 200 m zu uns herüber gelaufen, die durch die Motorräder angelockt wurden. Wir kommen ins Gespräch und frage sie, ob sie uns mit einem Liter Wasser aushelfen können. Getrennt haben wir uns dann nach einem schönen Gespräch mit zwei herzlichen Umarmungen und ich hatte 2 ltr Wasser und 2 ltr Cola in der Hand. Das sind Begegnungen, die Spaß machen! So gehts dann Mittags weiter. Nach wieder 3 Stunden Piste, in denen uns das Navi oft Streiche spielt, weil es selbst nicht mehr weiß, wo es ist, kommen wir an der Laguna Honda an einer Aussichtsstelle an, an der ca. 15 Ausflugsjeeps stehen und gerade ihre Gäste mit Mittagessen bewirten. Wir kommen mit einem netten spanischen Touristen ins Gespräch und er lädt uns zum Reste essen ein. Seine Familie hat so viel übrig gelassen, dass es für Lars und mich noch locker reicht: Hühnchen mit Gemüse und Pasta. Genial! Wieder so eine nette Erfahrung. Schön, dass man auf Reisen immer auch solche Menschen trifft und nicht nur Taschendiebe in Santiago.

Der heutige Tag bringt uns nochmal eine ganz neue Streckenerfahrung: ein kleines Kerbtal, in dem Wasser fließt und ziemlich felsig ist. Mir macht die technische Fahrerei total Spaß, weil es endlich mal keine Wellblechpiste gibt. Die kommt dann so sicher wie das Amen in der Kirche wieder als wir unten im Tal ankommen. Dort begegnen uns auch 2 Fahrradtouristen, die schiebenderweise den Berg hochkeuchen. Wie man das hier mit dem Velo machen kann, ist mir ein Rätsel. 10 Tage diese Strapaze, Wahnsinn. Ich schwanke noch, ob das Helden oder Verrückte sind. Auf jeden Fall haben sie meinen höchsten Respekt.
Als wir die "Hauptstrasse" nach San Cristobal erreichen, küsse ich den Boden. Teer gibts hier noch nicht, eher eine gut festgefahrene Lehmpiste, die aber mit 90-100 km/h gut zu befahren ist. Wir entscheiden uns, bis Uyuni noch 160 km durchzufahren, was eine fatale Entscheidung ist, da die Lehmpiste oft urplötzlich auch mit Tiefsandstellen versetzt ist, was mir das ein oder andere Mal das Moped verhaut und den Puls auf 180 treibt. Mit 90 da rein und dann weiter Gas geben im Sand ist grenzwertig. Als Sahnehäubchen ist die Strecke dann auf 40 km eine Baustelle und wir werden über staubige Feldwege parallel weitergeführt, natürlich mit Wellblech und Tiefsand. Mit uns auch Tourjeeps, Tanklastwagen und andere LKW, die uns eine astreine Staublunge verpassen. Nach 10 Stunden auf dem Bock bin ich nur noch fertig und genervt als wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit in Uyuni eintreffen und nach längerer Suche in ein Hotel einchecken. Viele Hostels hatten zu, bolivianisches Internet hatten wir noch nicht, also leisten wir uns 2 Tage mal ein teureres Hotel und teilen uns ein Doppelzimmer. Was soll ich sagen: die Dusche, die Pizza und das Bier waren das Paradies!!!

Alles in allem bin ich froh, dass wir die Strecke gemacht haben, auch die schwerere Westroute. Es hätte definitiv was gefehlt. Freude hat das Fahren aber meistens nicht gemacht, dafür haben wir unvergessliche Erinnerungen einer grandiosen Landschaft im Kopf. Und das ist es ja, worum es geht!