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Lake Malawi / Cape McLear - Lilongwe Motorschaden!

18. Reisetag: 23.2.2015: Cape McLear - Lilongwe

Es ist passiert. Der Supergau! Motorschaden an der KTM in the middle of nowhere. Ich habe schon beim Losfahren ein komisches Gefühl wegen dem Motorrad. Dass sie nicht richtig anspringt und im niedrigen Bereich klackert macht mich unruhig, daher beschließe ich, den Nordteil des Sees auszulassen und wieder nach Chipata in Sambia zu fahren. Der Norden soll zwar schön sein, aber es wären wieder 1000 km mehr und es sieht sehr stark nach Regen aus. Ich will kein Risiko mehr eingehen und freue mich wieder auf Namibia. Auf den ersten Metern macht mir das Fahren wieder einen Riesenspaß und ich bin froh, wieder unterwegs zu sein. Unterwegs gibt es auch wieder ein paar witzige Sachen zu sehen, zum Beispiel ein handgemaltes Schild "toys ´R´ us" mit ein paar Kindern unter einer Strohhütte, die selbstgebastelte Holzautos verkaufen. They are running their first Business! Viele andere Szenen, wie die abenteuerlichen Transporte auf Fahrrädern hätte ich gerne fotografiert, aber ich bin ja nicht im Zoo und kann das aus Respekt den Leuten gegenüber nicht tun.

65 km vor Lilongwe hat die KTM dann plötzlich keine Leistung mehr, fährt nur noch 80 km/h, dann an einem Berg bleibt sie stehen Im Standgas läuft sie normal, nimmt aber überhaupt kein Gas an. Mir schießt es in den Magen, der Supergau ist da! Anhalten, Helm ab, fluchen, kurz nachdenken und angefangen nach dem Problem zu suchen: Erst mal Luftfilter raus, vielleicht ist der verstopft. Keine Änderung. Nächster Gedanke: Gaszug gerissen. Fehlanzeige. Mit jeder ausgeschlossenen Fehlerquelle bin ich mir sicherer, dass der schmutzige Sprit den Vergaser verstopft hat. Das heißt ich brauche eine Werkstatt. Die Hoffnung verlässt mich. Was in den nächsten zwei Tagen folgt, ist ein ständiges Auf und Ab. Nach der niederschmetternden Erkenntnis, dass ich alleine nicht mehr weiter komme, gesellen sich ein paar Einheimische um mich herum. Einer spricht Englisch und nach 10 min schieben wir das Motorrad in das nächste Dorf. Unser Glück, da es anfängt, wie aus Kübeln zu regnen. Der Junge ruft einen Mechaniker an, der auch nach 30 min kommt. Inzwischen stehen wir unter einem Schleppdach und sind von ca. 30 Kindern und Erwachsenen umringt. Keiner von denen spricht Englisch, was bedeutet, dass sie höchstens 5 Jahre in der Schule waren, wenn überhaupt. Wir sind halt mitten im bitterarmen Malawi. Die Leute sind barfuß und die Kinder tragen verdreckte und verschlissenen Kleidung. Ich muss denen vorkommen, wie ein Marsmensch. So starren mich auch alle mit einer gewissen Scheu an. Zu gerne möchte ich jetzt in deren Köpfe schauen. Ich bin zuversichtlich, dass der junge Mechaniker den Vergaserausbauen und reinigen kann. Er hat zwar nur rudimentäres Werkzeug, macht aber einen routinierten Eindruck und geht mit seinen begrenzten Mitteln sehr bedacht um. Ich helfe ihm, da ich die Prozedur ja im letzten Jahr schon mal in Südafrika  mitgemacht habe. Wir bekommen das Ding raus, bauen es wieder ein, meine stillen Gebete richten sich gen Himmel. Und wie auf der Achterbahn geht es wieder bergab, weil sich nichts tut. Keine Veränderung. Jetzt wird’s haarig. Zu meinem Vergnügen habe ich auch gar kein malawisches Geld mehr, da ich ja nach 150 km nach Sambia ausreisen wollte. Also bezahle ich den Mechaniker mit 20 Dollar, das einzige Bargeld, das ich ihm geben kann. Er staunt Bauklötze und hat wahrscheinlich das Geschäft seines Lebens gemacht. Die Worte 20 Dollar höre ich die nächsten Stunden immer noch aus den Gesprächen der Dorfbevölkerung heraus, das Tagesthema überhaupt mit dem komischen Mann. Aber zurück zu meiner Achterbahhnfahrt: ich wusste noch, das es in Lilongwe Langzeitparkplätze gibt, also schickte ich Lian eine SMS mit dem Auftrag, den Kontakt zu googeln und dort anzurufen. Die sollen mir dann einen Pick Up schicken, damit ich nach Lilongwe komme. Bis das alles geklärt war und ich einmal mit Jeanny von dem Camp telefoniert habe, ist mein Guthaben aufgebraucht und ich stehe da ohne Kommunikationsmöglichkeit, ohne Geld und ohne was zu trinken. Inzwischen habe ich Durst für drei. Trotzdem scheint es geklappt zu haben. Ein Truck soll mich holen, kostet 110 Dollar. Egal, Hauptsache ich komme hier weg. Meine Geduld wird dann auf eine harte Probe gestellt, als nach 2 Stunden immer noch keiner da ist. Der Mechaniker hat inzwischen ein weiteres Geschäft mit dem gestrandeten Motorradfahrer gewittert und ebenfalls einen Pick Up organisiert. Falls der andere nicht kommt, geht’s mit ihm. Gut! Diese zwei Stunden warten, werde ich nie vergessen. Ein Gefühlswirrwarr zwischen Erleichterung und Verzweiflung. Obwohl ich immer noch von 20 Leuten umringt bin, komme ich mir sehr einsam vor und würde mich am liebsten nach Hause beamen. Lian und ihre Mutter schicken eine Nachricht nach der andern, die ich aber  nicht beantworten kann. Die Leute stehen einfach nur da und starren mich an. Die ganze Zeit. Ich verstehe langsam deren Zeitkonzept. Die nehmen Zeit nicht linear wie wir war, sondern sind in der Zeit und da es hier jetzt gerade interessant ist, bleibt man eben stehen und schaut, was im hier und jetzt geschieht. Langsam wird es auch dunkel und ich bin kurz davor, den Truck des Mechanikers zu rufen. Den Leuten drumherum zeige ich auf meinem Handy Fotos von Schnee und die Kinderaugen weiten sich auf Tennisballgröße. Dann kommt die Erlösung und der grüne Truck taucht auf. Alle sind aufgeregt und helfen, als wir die KTM auf die Ladefläche bugsieren und auf afrikanische  Weise verstauen. Zum Glück habe ich zwei Spanngurte dabei. Der Pick Up ist das reinste Wrack, aber für mich gerade der schönste Platz der Welt. Nach über einer Stunde erreichen wir das Mabuja Guesthouse. Jeanny, die alles organsiert hat sehe ich noch kurz und kann mich bedanken. Puh, dieses Problem ist schon mal gelöst, jetzt weiter denken. Erst mal einen Internetvoucher kaufen und wieder Kontakt herstellen. Über eine andere Lodge die Lian angerufen hat, bekomme ich eine whats ap Nachricht, dass ich morgen einen Mechaniker anrufen soll, der sich kümmert. Das klingt schon mal gut und ich kann ein paar Savanna trinken. In der Lodge lerne ich auch einen Südafrikaner kennen, der gleich eine Diagnose macht. Tut gut, sich mit jemandem zu unterhalten. Ich schwanke immer noch zwischen Ärger und Erleichterung. Hier lerne ich mal wieder, es so zu nehmen wie es kommt. Es bleibt ja auch nichts anderes übrig und sich gegen die Realität aufzulehnen, kostet nur unnütze Energie. Morgen sehen wir weiter. Was für ein Tag!


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